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Schon kleinste Partikel können in Batterien und elektronischen Bauteilen gravierende Schäden verursachen – im Extremfall sogar Brände. Genau hier setzt ein Monitoring-Tool an, das die technische Sauberkeit in der Produktion überprüft und Verunreinigungen frühzeitig sichtbar macht. Entwickelt wurde es von den Wirtschaftsingenieuren Dr.-Ing. Ronny Zwinkau und Roman Möhle. Den Grundstein dafür haben die beiden am Institut für Produktionssysteme (IPS) an der Technischen Universität Dortmund gelegt. Entwickelt haben sie ihr Unternehmen und dessen Produkte parallel dazu in ihrer Freizeit. Seit Februar 2023 sind die beiden Gründer nun mit PartikelART am Markt. Im Interview erklärt Geschäftsführer Ronny Zwinkau, welches Problem sein Start-up für Industrieunternehmen löst und wie aus einer Idee ein rasant wachsendes Start-up geworden ist.
Herr Dr. Zwinkau, Sie haben ein Monitoring-Tool entwickelt, das die Technische Sauberkeit kritischer Bauteile und Ressourcen sicherstellt. Worum geht es genau?
Dr.-Ing. Zwinkau: Sie kennen das vermutlich aus dem Alltag: Auf Flugreisen müssen Smartphones, Powerbanks, Notebooks und andere mobile Geräte im Handgepäck transportiert werden, da von ihnen ein potenzielle Brandrisiko ausgeht. Auch in den Medien wurde in den vergangenen Jahren wiederholt über sich selbst entzündende Handys oder E-Autos berichtet. Die Ursache ist in vielen Fällen dieselbe: Kritische Partikel, etwa aus Metall, Kunststoff oder Mineralien, die während des Produktions-, Verpackungs- oder Transportprozesses entstehen. Gelangen diese Partikel in sensible Bereiche wie Batterien bzw. Akkus können sie sich im Betrieb stark erhitzen und die Isolationsschichten innerhalb der Batterien beschädigen. Im schlimmsten Fall führt das zu einem Brand. Der Fachbegriff dafür lautet Thermal Runaway.
Was können Unternehmen dagegen tun?
Dr.-Ing. Zwinkau: Industrieunternehmen in der Automobil- bzw. Automotive-, Elektronik- und Batteriebranche stehen hier vor der großen Herausforderung, kleinste Partikel zu identifizieren und zu beseitigen. Diese Aufgabe übernehmen bisher spezialisierte Labore, die die Bauteile analysieren. Das Problem ist: Diese Untersuchungen sind zeitaufwändig und finden oft nur stichprobenartig vielleicht einmal im Quartal statt. Entsprechend hoch ist das Risiko, dass verunreinigte Bauteile unentdeckt in den Umlauf gelangen. Dabei ist ein nachträglicher Rückruf kaum praktikabel. Zudem entstehen durch Nacharbeiten nicht nur ein erheblicher Aufwand, sondern im Zweifel erneut Partikel.
Und wo kommen Sie ins Spiel?
Dr.-Ing. Zwinkau: Wir unterstützen Unternehmen mit einem von uns entwickelten Monitoring-Tool. Es analysiert innerhalb von 60 Sekunden Partikel, die im Produktionsumfeld entstehen. Dabei werden diese vermessen, gezählt und in metallisch glänzende und nicht metallisch glänzende Partikel sowie Fasern klassifiziert. Zudem steigert die engmaschige Analyse die Identifikation von Partikelquellen und dient der Absicherung bei Kundenreklamationen: Meldet ein Kunde beispielsweise eine Verunreinigung mit Kupferpartikeln, obwohl im eigenen Produktionsprozess gar kein Kupfer eingesetzt wird, schafft das sofort Klarheit und kann langwierige Streitigkeiten vermeiden.
Abgesehen davon sind, gerade im Automobilbereich die Anforderungen inzwischen sehr streng. Für viele Komponenten gelten hinsichtlich der Partikelgröße und -menge sowie für unterschiedliche Kategorien wie metallisch glänzende und nicht metallisch glänzende Partikel und Fasern definierte Grenzwerte.
In welchem Kontext ist Ihr Monitoring-Tool entstanden? Im Rahmen ihrer Promotion an der TU Dortmund?
Dr. Zwinkau: Nicht ganz. Ich kam nach meinem Wirtschaftsingenieurstudium an der Universität Karlsruhe 2012 an die TU Dortmund, um dort am Institut für Produktionssysteme (IPS) von Professor Jochen Deuse zum Thema Technische Sauberkeit zu promovieren. Das Forschungsfeld habe ich damals am Institut praktisch komplett neu aufgebaut. Es ist auch heute noch die einzige universitäre Forschungseinrichtung in Deutschland, die sich damit beschäftigt. Nach meiner Promotion im Jahr 2019 war ich dann dort bis Ende 2022 stellvertretender Institutsleiter.
Nun hatte ich schon während meiner Promotion festgestellt, dass das Thema Technische Sauberkeit künftig immer mehr an Relevanz gewinnen würde. Während es in meiner Promotion darum ging, aus Partikelbildern mithilfe eines KI-basierten Partikelkatalogs auf Partikelquellen zu schließen, habe ich mich in meiner Freizeit gemeinsam mit Roman Möhle mit zusätzlichen digitalen Lösungen zur Analyse und zum Management der Technischen Sauberkeit in der Industrie beschäftigt.
Kontakte zur Industrie hatten Sie also schon frühzeitig?
Dr.-Ing. Zwinkau: Ja, ich hatte schon während meiner Promotion Unternehmen beraten und darüber Einblicke in den Markt bekommen. Von 2023 bis Oktober 2025 war ich dann in einem Chemieunternehmen tätig und habe als Architekt für Digitalisierungslösungen viel über die Projektierung im Betrieb gelernt. Meine Urlaubstage habe ich dafür genutzt, Beratungsleistungen zum Thema Technische Sauberkeit anzubieten. Das damit verdiente Geld habe ich dann für die Entwicklung der PartikelART-Produkte und des Entwicklungsteams eingesetzt. Einige der ersten Entwickler sind sogar bis heute bei uns.
Wie kam es dann zum Schritt in die Selbstständigkeit?
Dr.-Ing. Zwinkau: Einen entscheidenden Impuls gab es im vergangenen Jahr. Da kam BMW auf uns zu, um unser Tool zu testen. Der Pilot verlief so erfolgreich, dass schnell Interesse an der Übernahme des Tools in die serienbegleitenden Qualitätssicherungsprozesse entstand. Der Schritt in die Selbstständigkeit war dann nur konsequent, so dass wir im Oktober 2025 unser Tool offiziell gelauncht und auf der internationalen parts2clean-Messe in Stuttgart präsentiert haben. Seitdem wachsen wir stetig.
Sie haben im Team gegründet. Können Sie etwas zu Ihren Co-Foundern sagen?
Dr.-Ing. Zwinkau: Zum Gründungsteam gehört Roman Möhle, der bei mir seine Bachelorarbeit geschrieben hat und später wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Produktionssysteme war. Er ist nicht nur Ingenieur, sondern auch Informatiker und bringt insbesondere Expertise im Bereich Künstliche Intelligenz mit. Außerdem ist an unserer GmbH die CleanControlling Holding beteiligt. Dabei handelt es sich um eines der größten Labore in Deutschland im Bereich Technische Sauberkeit. Mit dem Gründer und Geschäftsführer Volker Burger stehen wir seit vielen Jahren in engem Austausch.
Wie haben Sie sich das erforderliche Gründungs-Know-how angeeignet?
Dr.-Ing. Zwinkau: Unternehmer zu sein ist ja praktisch wie ein neuer Beruf. Da spielen einfach viele Dinge eine Rolle, die man als Wissenschaftler und Angestellter nicht oder nicht komplett auf dem Schirm hat: Markteintritt, Patentwesen, Teambuilding usw. Von daher ist es gut, wenn man ein paar Tipps bekommt und erfährt, wo die Fallstricke liegen. Aber vor allem heißt es: üben, üben, üben. Vieles war also tatsächlich Learning by Doing. Roman und ich hatten 2017 zunächst eine GbR gegründet. Schritt für Schritt haben wir uns so an den Markt herangetastet und die Produkte kontinuierlich weiterentwickelt. Irgendwann war klar, dass auch große Industrieunternehmen Interesse an unseren Lösungen haben würden. Damit stiegen auch die Anforderungen an unseren Unternehmensauftritt, so dass wir im Februar 2023 die PartikelART Solution GmbH gegründet haben.
Lassen Sie uns bei den Gründungsvorbereitungen konkreter werden: Wie haben Sie sich mit Themen wie Steuern, Versicherungen, Finanzierung, Akquise und Marketing auseinandergesetzt?
Dr.-Ing. Zwinkau: In Sachen Steuern, Verträge oder Versicherungen haben wir uns frühzeitig externe, fachliche Beratung geholt. Das war uns wichtig, um hier sauber aufgestellt zu sein. Bei Vertrieb und Marketing hatte ich schon jede Menge Erfahrungen am Institut für Produktionssysteme gesammelt, weil wir eng mit der Industrie zusammengearbeitet haben. Wenn ich zum Beispiel einen Antrag für ein Forschungsvorhaben geschrieben habe, musste der so formuliert sein, dass auch Industriepartner den Mehrwert erkennen und Interesse an einer Beteiligung entwickeln sollten.
Mit der Zeit haben wir jedoch gelernt, dass es nicht nur darum geht, potenziellen Kunden unsere Idee zu vermitteln. Entscheidend war auch, den Fokus auf das Produkt im Betrieb zu legen: Dass unser Tool beim Kunden nicht nur heute funktioniert, sondern kontinuierlich. Darüber hinaus braucht es ein tragfähiges Geschäftsmodell und eine Entwicklungsroadmap, die einen zunehmenden Mehrwert für den Kunden schafft. Das ist der eigentliche Schritt in Richtung nachhaltiger Unternehmens- und Produktverantwortung.
Bei der Akquise von Kunden konnten Sie auf bestehende Netzwerke zurückgreifen?
Dr.-Ing. Zwinkau: Ja, mein Netzwerk aus nunmehr 14 Jahren Technische Sauberkeit sind für den engen Austausch mit der Industrie sehr hilfreich. Zusätzlich setzen wir auf Partner und Unternehmensnetzwerke mit Expertise, die als Multiplikatoren fungieren. Zudem probieren wir auch mal andere Wege: Es gibt eine Episode zum Technische Sauberkeit im Podcast „Fabrik der Zukunft“.
Darüber hinaus habe ich einen externen Berater eingebunden, der 30 Jahre Erfahrungen in Großkonzernen im Bereich Entwicklung und Qualität mitbringt. Er kennt die Denkweise großer Konzerne sehr genau – also was dort funktioniert und was nicht. Dieses Verständnis ist für uns extrem hilfreich, weil wir damit unsere Lösungen gezielt an den Anforderungen der Kunden ausrichten können.
Sie haben auch Kontakte zum innoclub in Dortmund geknüpft. Warum?
Dr.-Ing. Zwinkau: Wir wollten einfach wissen, welche Möglichkeiten es für Start-ups hier in Dortmund gibt. Wie kann man als junges Unternehmen noch sichtbarer werden? Was gibt es für Angebote? Außerdem wollten wir uns mit anderen Gründerinnen und Gründern austauschen, die ähnliche Painpoints haben, aber teilweise schon weiter sind. Unsere Recherchen haben uns dann zum innoclub geführt. Dabei handelt es sich um ein Projekt der IHK Dortmund, das unter anderem von der Fachhochschule Dortmund, der Technischen Universität Dortmund, der Wirtschaftsförderung Dortmund und der International School of Management gefördert wird. Neben dem Austausch zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups, bietet der innoclub ein Fellowship-Programm an, von dem wir sehr profitiert haben, insbesondere durch den Kontakt zu Unternehmen, die uns mit ihren Erfahrungen beratend zur Seite standen. Zusätzlich gab es eine finanzielle Förderung von 10.000 Euro.
Sie wurden 2025 mit dem TU Dortmund Start-up Award ausgezeichnet. Was hat Ihnen der Award gebracht?
Dr.-Ing. Zwinkau: Die Auszeichnung hat unter anderem dazu geführt, dass wir jetzt am Venture Accelerator von HIGH-TECH.NRW teilnehmen. Dadurch konnten wir unser Netzwerk deutlich über die Region Dortmund hinaus erweitern.
Gab es Situationen, von denen Sie im Nachhinein sagen würden: Lief nicht so gut, aber wir haben daraus gelernt?
Dr.-Ing. Zwinkau: Da weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen soll. Eine große Herausforderung war zum Beispiel die Preisgestaltung. Für welchen Preis können wir unser Tool überhaupt anbieten? Welche Kosten müssen wir damit abdecken: von den Betriebskosten über Personalkosten bis hin zu der Frage, wie viel man sich selbst als Unternehmer auszahlt? Und vor allem: Welchen Preis akzeptiert der Kunde? Da hat die Diskussion mit unserem Netzwerk sehr geholfen.
Eine weitere Herausforderung war die Frage nach dem Geschäftsmodell. Wir hatten mit einem Lizenzmodell begonnen, hatten aber Schwierigkeiten, die Lizenzen zu verwalten. Deshalb haben wir das Modell angepasst. Heute verkaufen oder vermieten wir Hardware, während die eigentliche Wertschöpfung über die Anzahl der durchgeführten Analysen erfolgt. Damit verdienen wir letztlich unser Geld.
Und wie soll es weitergehen? Wie sehen die nächsten Schritte in den kommenden Monaten aus?
Dr.-Ing. Zwinkau: Derzeit läuft die Patentanmeldung. Parallel arbeiten wir daran, den Vertrieb breiter aufzustellen. Wir benötigen Multiplikatoren, die sich wirklich gut mit der Materie auskennen. Ich stehe daher im Austausch mit einschlägigen Fraunhofer-Instituten, die das Thema Technische Sauberkeit in ihre Schulungen integrieren und unser Tool dort vorstellen.
Außerdem spreche ich mit Qualitätsmanagement-Beraterinnen und -beratern aus der Automobil- bzw. Automotivebranche sowie mit Dienstleistern, zum Beispiel aus der Behälterreinigung. Für die kann unser Tool ebenfalls interessant sein, weil sie damit nicht nur ihre Reinigungsleistung nachweisen, sondern auch kurzfristig zeigen können, dass die Prozesse stabil funktionieren und die Sauberkeit gewährleistet ist.
Ihr Start-up befindet sich auf einem steilen Wachstumskurs. Sind Sie bereits international unterwegs?
Dr.-Ing. Zwinkau: Ja, aktuell haben wir Kontakte in mehreren EU-Ländern sowie in Taiwan, Südkorea, Tunesien und Mexiko. Es geht also wirklich schnell voran.
Weitere Informationen:
Stand: April 2026
Das Centrum für Entrepreneurship & Transfer (CET) an der Technischen Universität Dortmund wurde durch die Initiative Exzellenz Start-up Center.NRW gefördert.