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FACE.NRW ist das neue Fokuszentrum für Female Entrepreneurship an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen. Es ist an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) angesiedelt und hat 2026 seine Arbeit aufgenommen. Projektleiterin Dr. Beate von Miquel berichtet im folgenden Interview über ihre bisherigen Erfahrungen mit der Gründerinnenförderung, die Ziele und Aufgaben des neuen Fokuszentrums sowie die ersten Maßnahmen, die bereits auf den Weg gebracht wurden.
Frau Dr. von Miquel, die Ruhr-Universität Bochum hat bereits reichlich Erfahrungen mit der Unterstützung von Gründerinnen. Jetzt gibt es das neue Fokuszentrum „FACE.NRW“ an der RUB. Inwiefern bauen Sie dabei auf den bisherigen Erfahrungen der Gründerinnenförderung an der RUB auf?
Dr. v. Miquel: Als wir 2020 damit anfingen, das Zentrum für Gründerinnen FACE@RUB aufzubauen, war das Thema Gründerinnenförderung noch ein absolutes Nischenthema. Es gab kaum Vorbilder, an denen wir uns orientieren konnten. Deshalb haben wir unsere Arbeit auf mehrere Prämissen gestützt. Eine davon lautete: Kurze Workshops und Role-Model-Talks sind wichtig, reichen aber nicht aus. Eine gründerinnenfreundliche Hochschule sollte Studentinnen und Wissenschaftlerinnen vermitteln, was hinter einer Start-up-Gründung steckt und was es bedeutet, sich in einem männlich geprägten Feld als Unternehmerin zu bewegen. Herausforderungen stellen sich auf allen Stufen des Gründungsprozesses.
Bei FACE@RUB haben wir daher ein Programm entwickelt, das gründungsinteressierte Studentinnen und Wissenschaftlerinnen entlang der gesamten Start-up-Journey begleitet: von der ersten Sensibilisierung über Beratung und Qualifizierung bis hin zur Unternehmensgründung. Wir haben eine ganze Förderkette aufgebaut. Ein Teil unseres Erfolgs dürfte darauf zurückzuführen sein, dass wir den gesamten Entrepreneurial Lifecycle abdecken und für jede Phase passende Angebote bereithalten.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Dr. v. Miquel: Wir haben zum Beispiel von Beginn an sehr stark mit Lehrveranstaltungsformaten gearbeitet, die ein tieferes Eintauchen in das Thema Entrepreneurship ermöglicht haben. Wobei wir uns bei der inhaltlichen Konzeption nicht nur an den unternehmerischen Kernkompetenzen, sondern auch an einer Kultur des Experimentierens und des Zulassens von Fehlern orientiert haben.
Darüber hinaus war es uns wichtig, Räume für persönliche Entwicklung und Reflexion zu schaffen. Die Teilnehmerinnen sollten die Möglichkeit erhalten, sich mit ihrer Rolle auseinanderzusetzen und zu verstehen, was es bedeutet, als Gründerin Verantwortung zu übernehmen und unternehmerisch zu handeln.
Auf den Erfahrungen aus diesen Angeboten baut auch die Konzeption des neuen Fokuszentrums FACE.NRW auf.
Der Aufbau von FACE.NRW wird mit rund 1,5 Millionen Euro gefördert. Die Finanzierung erfolgt zwischen 2025 und 2028 durch das Land Nordrhein-Westfalen und die Europäische Union aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) im Rahmen der Fördermaßnahme „Start-up Fokuszentren.NRW“.
Aber Themen wie Fehlerkultur oder Persönlichkeitsentwicklung sind auch für Gründer relevant. Warum braucht es darüber hinaus eine gezielte Gründungsförderung für Frauen?
Dr. v. Miquel: Der Punkt ist: Frauen sind im „Start-up-Game“ noch nicht lange genug auf dem Spielfeld, um tatsächlich auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Es geistern immer noch jede Menge Vorurteile herum, die das Gründerinnenleben vor besondere Herausforderungen stellt. Da kommen dann zum Beispiel bei Pitches vor Investoren Fragen nach dem Kinderwunsch und der Familiengründung, die fachliche Kompetenz der Frauen wird angezweifelt und die Erfolgswahrscheinlichkeit von technischen Lösungen wird häufiger in Frage gestellt als bei männlichen Gründern. Kurz: Man traut es Frauen oft nicht zu, innovative und anspruchsvolle Ideen umzusetzen. Deswegen sind die Investments in aller Regel auch niedriger als bei Gründern.
Was bedeutet das für Ihre gründerinnenspezifischen Angebote?
Dr. v. Miquel: Zunächst einmal widersprechen unsere Erfahrungen den gängigen Vorurteilen über Gründerinnen. Die Frauen, die wir begleiten, sind kompetent, ideenreich und unternehmerisch ambitioniert. An mangelndem Können, Mut oder Innovationskraft scheitert eine Gründung jedenfalls nicht. Dennoch begegnen Gründerinnen immer wieder Vorurteilen. Unsere Aufgabe ist es, sie darauf vorzubereiten und ihnen deutlich zu machen: Diese Zuschreibungen liegen nicht in ihrer Person begründet. Sie sind vielmehr Teil einer Start-up-Kultur, die vielerorts noch von traditionellen Rollenbildern geprägt ist. Damit muss man als Gründerin lernen umzugehen. Genau darin liegt ein zentraler Aspekt unserer Arbeit.
Der auch sehr gut angenommen wird?
Dr. v. Miquel: Ja, wir haben festgestellt, dass sich viele Studentinnen und Wissenschaftlerinnen durch unser Angebot angesprochen, ernst genommen und sich gut begleitet fühlten. Unsere Veranstaltungen waren durchweg sehr gut besucht. Das hat im Endeffekt dazu geführt, dass die Zahlen der Gründungsvorhaben von Studentinnen und Wissenschaftlerinnen an der RUB in den letzten fünf Jahren stark angestiegen sind. Wir hatten phasenweise über 30 Prozent Ausgründungen. Das ist für eine Volluniversität wie die Ruhr-Uni Bochum wirklich eine sehr gute Zahl. Wir wissen aber auch, dass es kontinuierliche Bemühungen braucht, um dieses Niveau zu halten.
Werden sie als Start-up Fokuszentrum die Veranstaltungen für Gründerinnen nun NRW-weit öffnen?
Dr. v. Miquel: Wir haben bereits damit begonnen. Beispiel: digitale Kompetenzen. Kein Geschäftsmodell kommt heute ohne digitale Komponenten aus. Daher bieten wir das Female Future Lab an, in dem Gründerinnen digitale Kompetenzen auf- und ausbauen können. Das Angebot richtet sich an Studentinnen, Absolventinnen und Wissenschaftlerinnen aller Hochschulen in Nordrhein-Westfalen, die eigene digitale Prototypen entwickeln möchten.
Ein weiteres Thema dreht sich um die Frage der Finanzierung. Viele angehende Gründerinnen haben zum Beispiel ein Stipendium über das Bundesprogramm exist Women erhalten. Da stellt sich dann die Frage, wie es nach Ablauf der Förderung finanziell weitergehen kann. Wir werden daher ab Oktober in unserem Female Funding Lab über Programme wie exist Gründungsstipendium, exist Forschungstransfer oder das Gründungsstipendium.NRW informieren und ein Antragssprintformat anbieten.
An fortgeschrittene Gründerinnen richtet sich unser Acceleratorenprogramm. Der FACE Accelerator hat sich bereits in unserem Projekt FACE@RUB bewährt, so dass ich sehr glücklich darüber bin, dass wir dieses Programm nun auch in unserem Start-up Fokuszentrum anbieten können. Der Kickoff wird am 16. Oktober stattfinden.
Das neue Start-up Fokuszentrum FACE.NRW soll Handlungsempfehlungen für die Gründerinnenförderung an Hochschulen erarbeiten. Welche Ansätze halten Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen für besonders erfolgversprechend?
Dr. v. Miquel: Wir müssen verschiedene Ebenen adressieren. Es geht zum einen ganz grundlegend darum, Gründerinnen und Unternehmerinnen sichtbar zu machen, ob auf Webseiten, in den digitalen Medien, auf Plakaten oder bei Veranstaltungen. Ebenso wichtig sind Statements und Testimonials sowie die Präsentation innovativer Gründerinnen aus dem eigenen Hochschulumfeld. Kaum etwas wirkt so stark wie Vorbilder aus der eigenen Institution. Zum anderen geht es auf struktureller Ebene darum, die Gründerinnenförderung in Leitbildern und Strategien zu verankern und sie als klares Ziel zu definieren.
Eine weitere Aufgabe von FACE.NRW ist der Aufbau eines Netzwerks.
Dr. v. Miquel: Die Vernetzung mit den Hochschulen in NRW ist für uns ein ganz zentraler Punkt. Wenn wir Hochschulen bei der Förderung von Gründerinnen unterstützen, müssen wir zunächst verstehen, wo die Herausforderungen liegen. Dafür haben wir den FACE-Circle als Format entwickelt. Anfang Mai 2026 haben wir dazu erstmalig rund 30 Hochschulen eingeladen. Erfreulicherweise war etwa die Hälfte, also 15 Hochschulen, vertreten. Insgesamt kamen knapp 30 Personen in einem zweistündigen Zoom-Meeting zusammen, um den Status quo zu diskutieren, Entwicklungsbedarfe zu identifizieren und zu klären, wo Hochschulen konkret Unterstützung benötigen. Besonders positiv war, dass das gesamte Spektrum der Hochschullandschaft vertreten war: von Hochschulen für angewandte Wissenschaften über Technische Universitäten bis hin zu klassischen Volluniversitäten. Zukünftig werden wir diesen Kreis zweimal im Jahr durchführen –, das nächste Mal im Herbst – und uns dann jeweils spezifische Themen rund um die Gründerinnenförderung vorknöpfen. Zugleich unterstützt der Circle eine weitere Kernaufgabe des Fokuszentrums: den landesweiten Austausch mit Forschenden und Beschäftigten an Hochschulen.
Ein weiterer wichtiger Baustein zur Vernetzung ist eine Weiterbildungsmaßnahme zum Thema Gründerinnenförderung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Gründungszentren der Hochschulen auf der Digitalplattform smart-up.NRW. Damit starten wir erstmalig im Herbst. Ergänzend dazu bieten wir analoge Räume für den kollegialen Austausch, wo wir zum Beispiel konkrete Gründerinnenvorhaben besprechen können.
Nicht zuletzt planen wir gemeinsam mit den beiden anderen Start-up Fokuszentren.NRW eine Konferenz, die am 18. und 19. November 2026 in Bochum stattfinden wird. Dort werden wir erste Zwischenergebnisse vorstellen und unter anderem mit Wirtschaftsministerin Mona Neubaur ins Gespräch kommen, über deren Teilnahme wir uns sehr freuen.
Als Fokuszentrum stehen Sie auch vor der Aufgabe, das Gründerinnenpotenzial an den Hochschulen in NRW zu analysieren. Wie werden Sie vorgehen?
Dr. v. Miquel: Das ist eine spannende Sache, die uns das Land da aufgegeben hat und wir sind gerade dabei, uns einen Überblick zu verschaffen. Wir schauen uns zum Beispiel die Webseiten der Gründungszentren an den Hochschulen an. Wie sichtbar ist die Gründerinnenförderung dort? Wie werden Gründerinnen und Gründer präsentiert? Dann möchten wir erfahren, wie die Beratung vor Ort funktioniert. Wie sehen die Erfahrungen der Mitarbeitenden aus? Welche Empfehlungen haben sie?
Wir werden uns die Leitbilder und Strategien der Hochschulen zum Thema Transfer und Gründungsförderung ansehen. Welche Rolle spielen darin Gründerinnen? Werden sie überhaupt erwähnt? Im Ergebnis werden wir sehen, wo die Hochschulen in NRW mit der Gründerinnenförderung stehen.
Das Fokuszentrum FACE.NRW hat 2026 seine Arbeit aufgenommen. Gibt es bereits Hochschulen, die von diesem landesweiten Angebot Gebrauch machen?
Dr. v. Miquel: Ja, das hat uns auch überrascht. Kaum war FACE.NRW gestartet, gingen bereits die ersten Anfragen ein. Dabei wenden sich die Hochschulen mit sehr spezifischen Fragestellungen an uns. Zum Beispiel, wie sie Gründerinnen am besten ansprechen oder wie sie das Programm exist Women evaluieren können. Gemeinsam mit den Teams aus den Start-up- und Gründungszentren entwickeln wir dazu passgenaue Lösungen.
Besonders spannend ist die Anfrage einer Universität, die beim Thema Gründerinnen noch ganz am Anfang steht. Das ist natürlich toll, weil wir dadurch die Chance haben, sie von Beginn an beim Aufbau einer wirksamen Gründerinnenförderung zu begleiten.
Stand: Juni 2026