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„Ein entscheidender Baustein war die Unterstützung bei der Patentanmeldung durch die RWTH Innovation.“

v.l.n.r.: Dr.-Ing. Jannik Bühring, Dr. Jana Maria Weinand, Maximilian Schirp-Schoenen
© leitspalt GmbH

Eine Batterietechnologie aus der Raumfahrtforschung könnte künftig neue Maßstäbe für leistungsfähige Batteriesysteme in der Elektromobilität setzen. Aus der an der RWTH Aachen entwickelten Technologie ist die leitspalt GmbH hervorgegangen. Im Gespräch berichtet Co-Founder Dr.-Ing. Jannik Bühring über die Besonderheiten der Technologie, über die gemeinsame Gründung mit Maximilian Schirp-Schoenen und Dr. Jana Maria Weinand sowie die Unterstützung durch die RWTH Innovation.

Herr Dr. Bühring, sie haben gemeinsam mit Ihrem Co-Founder Maximilian Schirp-Schoenen ein neuartiges Batteriesystem entwickelt. Was ist das Besondere daran?

Dr.-Ing. Bühring: Um das zu verstehen, muss man zunächst wissen, dass die Kühlung ein zentraler Baustein jedes Batteriesystems ist. Eine Batteriezelle kann ihre maximale Leistung nur in einem optimalen Temperaturfenster entfalten. Wird dieses verlassen, muss die Ladeleistung reduziert werden. Für Elektroautos bedeutet das beispielsweise längere Ladezeiten. Gleichzeitig können zu hohe oder zu niedrige Temperaturen die Sicherheit und Lebensdauer der Batterie beeinträchtigen.

Nun ist es so, dass in einem Batteriesystem jedes Bauteil üblicherweise genau eine Funktion hat. Zur Sicherung der mechanischen Integrität gibt es zum Beispiel Längs- und Querträger. Zum Stabilisieren der Batteriezellen benutzt man Strukturschäume, die sich sehr schlecht recyceln lassen. Darüber hinaus gibt es dann noch ein Kühlsystem. Diese drei Funktionen vereinen wir in einer Komponente. Die Idee stammt ursprünglich aus der Raumfahrttechnik. Dort ist das Prinzip der Multifunktionalität etabliert: Statt für jede Aufgabe ein eigenes Bauteil zu verwenden, werden mehrere Funktionen in einer Komponente kombiniert. Dieses Prinzip haben wir auf Batteriesysteme übertragen. Auf diese Weise können wir etwa viermal so viel Batteriezelloberfläche kühlen wie mit herkömmlichen Lösungen. Gleichzeitig entstehen weitere Vorteile: Das System wird lasttragend, spart Komponenten und Kosten und erleichtert das Recycling.

Für wen ist dieses neuartige Batteriesystem interessant?

Dr.-Ing. Bühring: Aktuell konzentrieren wir uns auf die Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie. Außerdem erhalten wir zahlreiche Anfragen aus dem Verteidigungsbereich, insbesondere für autonome Systeme wie unbemannte Luft- und Bodenfahrzeuge. Grundsätzlich ist unsere Technologie sehr vielseitig einsetzbar, weil wir sie an die spezifischen Anforderungen verschiedener Branchen anpassen können. Von daher sehen wir ein großes Potenzial in unterschiedlichen elektrifizierten Mobilitätsmärkten. Dazu zählen neben der Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie die elektrische Schifffahrt, Bau- und Landmaschinen sowie Batteriegroßspeicher und weitere industrielle Anwendungen.

Entstanden ist die Technologie an der RWTH Aachen?

Dr.-Ing. Bühring: Ja, mein Mitgründer Max und ich haben als wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Strukturmechanik und Leichtbau an der RWTH Aachen gearbeitet und uns mit multifunktionalen Strukturen für die Raumfahrt beschäftigt. Während Max intensiv an diesen Strukturen geforscht hat, war ich darüber hinaus an zahlreichen Projekten in der Automobilindustrie beteiligt. Irgendwann entstand die Idee, das Prinzip multifunktionaler Strukturen aus der Raumfahrt auf die Batteriesysteme von Fahrzeugen zu übertragen. Wir haben uns gefragt, ob sich Batterien effizient kühlen und zugleich als tragendes Strukturelement des Fahrzeugs nutzen lassen.

Mit der Frage haben wir uns rund zweieinhalb Jahre neben unserer eigentlichen Arbeit am Institut beschäftigt. Dabei hatten wir auch viel Kontakt zur Industrie. Irgendwann wurde uns dann klar, dass es sich um mehr als ein Grundlagenprojekt handelt und die Technologie das Potenzial hat, in der Elektromobilität etwas zu bewegen. Daraus entstand schließlich auch die Idee, ein Unternehmen zu gründen.

Und dann kam die RWTH Innovation ins Spiel?

Dr.-Ing. Bühring: Der erste Kontakt zur RWTH Innovation entstand schon sehr früh, weil wir relativ schnell eine Idee hatten, die wir für patentwürdig hielten. Mit dieser Idee sind wir auf die RWTH Innovation zugegangen. Kurz danach wurde der Prozess für die Patentanmeldung gestartet.

Etwa ein Jahr später haben wir das dreimonatige Ideation-Programm durchlaufen und einen Businessplan und ein Pitch-Deck ausgearbeitet. Danach folgte das ebenfalls dreimonatige Incubation-Programm. Der Schwerpunkt lag hier auf der Entwicklung eines Prototyps, der Validierung des Geschäftsmodells und den Grundlagen der Frühphasenfinanzierung. Im nächsten Schritt konnten wir in den Collective Incubator einziehen und die Büro- und Werkstattinfrastruktur nutzen.

Rückblickend kann ich sagen: Ohne diese Unterstützung hätte vieles deutlich länger gedauert. Wir hätten sicherlich deutlich mehr Hürden überwinden müssen und wären an der einen oder anderen Stelle langsamer vorangekommen.

Ihr Gründungsteam hat sich ebenfalls in dieser Zeit zusammengefunden?

Dr.-Ing. Bühring: Ja, Max und ich sind beide Maschinenbauingenieure und haben Luft- und Raumfahrttechnik an der RWTH studiert. Als wir uns zur Ausgründung entschlossen hatten, fehlte uns allerdings noch die betriebswirtschaftliche Perspektive. Über das Netzwerk der RWTH Innovation haben wir dann Jana kennengelernt. Sie hat Wirtschaftswissenschaften an der RWTH studiert, dort promoviert und außerdem bei einer internationalen Unternehmensberatung gearbeitet. Mit ihrer Expertise konnten wir unsere Unternehmensgründung gemeinsam vorbereiten. Darüber hinaus haben wir zwei unternehmerisch erfahrene Investoren als Partner gewonnen. Das sind praktisch unsere Co-Founder in der zweiten Reihe. Anfang 2024 konnten wir schließlich die leitspalt GmbH gründen.

Welche Unterstützung durch die RWTH Innovation war besonders hilfreich?

Dr.-Ing. Bühring: Ein entscheidender Baustein war die Unterstützung bei der Patentanmeldung. Die Kosten dafür hätten wir als Gründungsteam damals nicht stemmen können. Die RWTH ist hier ins Risiko gegangen und hat die Finanzierung der Patentanmeldung übernommen. Das war für uns eine wichtige Voraussetzung, um unsere Technologie überhaupt schützen zu können. Auch der anschließende Übertragungs- und Lizenzierungsprozess war für uns wichtig. Wir hatten am Ende zwei Patentfamilien mit nationalen Anmeldungen. Insgesamt war mein Eindruck, dass die RWTH über viel Erfahrung bei der Verwertung von Forschungsergebnissen verfügt und den gesamten Prozess professionell begleitet hat.

Dazu hat auch unser Innovation Manager beigetragen, der uns bereits bei der Patentanmeldung unterstützt hatte und den Verhandlungsprozess von Seiten der RWTH begleitet hat. Am Ende konnten wir einen exklusiven Lizenzvertrag abschließen. Natürlich gab es dabei intensive Verhandlungen. Letztlich haben wir aber auf Augenhöhe eine Lösung gefunden, die für die RWTH, für uns als Start-up und auch für unsere Investoren tragfähig ist.

Gab es weitere Elemente der Gründungsunterstützung, die für Sie und Ihre Co-Founder besonders wichtig waren?

Dr.-Ing. Bühring: Die Zeit im Collective Incubator war unglaublich hilfreich für uns. Wir konnten dort Räumlichkeiten nutzen, ohne uns an langfristige Mietverträge binden zu müssen. Gleichzeitig haben wir von der Infrastruktur profitiert und uns mit anderen Gründungsteams ausgetauscht. Dazu kamen Büro- und Werkstattflächen, die gerade für ein technologiegetriebenes Start-up wichtig sind. Der gegenseitige Austausch, das gemeinsame Lernen und die kurzen Wege haben uns in dieser Phase enorm geholfen.

Sie haben auch die Expert Hubs der RWTH genutzt. Was hat Ihnen das gebracht?

Dr.-Ing. Bühring: Sehr viel. Die Expert Hubs haben uns zahlreiche Türen zu Instituten an der RWTH geöffnet. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich Zeit genommen, unsere Fragen zu beantworten.

Wie ist es Ihnen gelungen, erste Kunden und Industriepartner zu gewinnen?

Dr.-Ing. Bühring: Der Aufbau eines Netzwerks potenzieller Unternehmenskunden, war anfangs sehr zeitaufwändig. Gerade als junges Technologie-Start-up muss man sich das Vertrauen der Industrie erst erarbeiten. Inzwischen sind wir aber in zahlreiche Entwicklungsprojekte eingebunden, unter anderem in der Automobilindustrie, der elektrischen Schifffahrt und zunehmend auch im Verteidigungsbereich, beispielsweise für Drohnenanwendungen. Bei einigen dieser Projekte handelt es sich bereits um kommerzielle Aufträge, andere starten als Vorstudien, aus denen sich größere Entwicklungsprojekte ergeben können.

Sie sind bereits international unterwegs?

Dr.-Ing. Bühring: Ja, wir haben uns von Anfang an international ausgerichtet. Die Automobilindustrie ist ein globaler Markt. Derzeit entfallen rund 70 bis 80 Prozent unserer Aktivitäten auf Europa. Gleichzeitig arbeiten wir bereits mit Partnern in anderen Regionen der Welt zusammen. Für uns sind insbesondere China, Japan und Südkorea wichtige Zukunftsmärkte. Darüber hinaus realisieren wir aktuell ein Projekt mit einem amerikanischen Fahrzeughersteller.

Wie haben Sie Ihre bisherige Unternehmens- und Produktentwicklung finanziert?

Dr.-Ing. Bühring: Das Startkapital haben uns unsere beiden Gründungsinvestoren zur Verfügung gestellt. Das hat ungefähr für die ersten neun Monate gereicht. Danach haben wir eine kleinere Finanzierungsrunde abgeschlossen und außerdem Mittel aus dem ESA-BIC-Programm eingeworben. Darüber hinaus haben Max, Jana und ich jeweils ein Gründungsstipendium.NRW erhalten.

Inzwischen nehmen wir auch an größeren Förderprogrammen teil: Besonders stolz sind wir auf die Förderung durch den EIC Accelerator in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro. Damit können wir unser Wachstum deutlich beschleunigen und wichtige Entwicklungsschritte früher umsetzen. Außerdem freuen wir uns über die Förderung aus dem Programm „Grüne Gründung.NRW“.

Dennoch ist das Thema Finanzierung nicht einfach.

Dr.-Ing. Bühring: Ja, leider. Gerade für Start-ups in der Frühphase ist die aktuelle wirtschaftliche Lage herausfordernd. Wir sind gerade dabei, unsere zweite Finanzierungsrunde abzuschließen, aber vieles dauert einfach deutlich länger als gedacht. Ich würde mir da von der Investorenseite in Deutschland etwas mehr Mut wünschen.

Nicht ganz so einfach war sicherlich auch der Wechsel vom Wissenschaftler zum Unternehmer. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Dr.-Ing. Bühring: Gerade am Anfang war das eine ziemliche Herausforderung. Plötzlich bekommt man täglich Briefe und muss sich mit vollkommen neuen Anforderungen beschäftigen. Es gibt unglaublich viele administrative Aufgaben, die aus meiner Sicht stärker zentralisiert und digitalisiert werden könnten. Statt einen Prozess einmal anzustoßen und automatisch verschiedene Behörden einzubinden, muss man häufig zahlreiche einzelne Anträge stellen. Das gilt auch für Förderprojekte. Der Aufwand für einen Mittelabruf kann enorm sein – selbst bei vergleichsweise kleinen Beträgen.

Grundsätzlich ist das natürlich alles machbar. Aber für ein kleines Gründungsteam sind die Anforderungen beispielsweise bei Zertifizierung, Datenschutz oder Personal sehr anspruchsvoll. Häufig fehlt zudem eine verständliche Erklärung, wie die einzelnen Prozesse am besten zu bewältigen sind. Als Gründerin oder Gründer verbringt man dadurch sehr viel Zeit damit, bürokratische Anforderungen zu erfüllen, statt Technologie, Produkt und Team voranzubringen. Das passt aus meiner Sicht nicht zu der politischen Forderung, dass wir in Deutschland mehr Gründungen brauchen.

Trotz der Herausforderungen hat sich leitspalt bislang sehr gut entwickelt. Was waren für Sie die wichtigsten Erfolge auf diesem Weg?

Dr.-Ing. Bühring: Technologisch konnten wir unsere Meilensteine im geplanten Zeitrahmen erreichen. Außerdem sind wir im April aus dem Collective Incubator in eigene Räumlichkeiten umgezogen, weil wir aus dem Ökosystem der RWTH herausgewachsen sind – sowohl hinsichtlich der Zahl unserer Mitarbeitenden als auch hinsichtlich unserer Anforderungen an die Infrastruktur. Wir haben jetzt an einem anderen Standort in Aachen knapp 300 Quadratmeter Bürofläche und rund 500 Quadratmeter Hallenfläche sowie zusätzliche Container im Außenbereich.

An unserem neuen Standort ist es uns gelungen, ein starkes Team mit 23 hochmotivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufzubauen. Es ist beeindruckend zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit wir derzeit vorankommen. Aktuell bauen wir eine Prototypenwerkstatt mit einer kleinen Pilotlinie auf, in der wir seriennahe Batteriesysteme herstellen können. Für die spätere Serienproduktion wollen wir dann mit spezialisierten Zulieferunternehmen zusammenarbeiten.

Unser Ziel ist, unser Batteriesystem in den nächsten zwei Jahren in ein reales Fahrzeug zu implementieren. Gleichzeitig wollen wir unser Team auf rund 30 Personen erweitern.

Weitere Informationen:

leitspalt GmbH

Stand: August 2026

Die Initiative Exzellenz Start-up Center.NRW fördert das Projekt „Building Europe’s leading integrated Tech Incubator“ an der RWTH Aachen University.