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Wie kann der Sprung von der Forschung in den Markt gelingen? Die Green Heat Solutions GmbH zeigt, wie es funktionieren kann: Das fünfköpfige Gründungsteam entwickelt klimafreundliche Energiekonzepte, um Unternehmen bei der Dekarbonisierung zu unterstützen. Entstanden ist die Idee am Solar-Institut der FH Aachen. Damit es nicht bei der Idee blieb, wurde das Team bei seinen Gründungsvorbereitungen durch das Gründungszentrum der FH Aachen intensiv begleitet. Wie diese Begleitung aussah, welche Herausforderungen das Start-up bislang gemeistert hat und wie es weitergehen soll, erzählt Co-Founder Jonas Schulte im Interview.
Herr Schulte, Sie unterstützen insbesondere energieintensive Unternehmen dabei, ihre Wärmeversorgung auf Strom umzustellen und thermische Speicher einzusetzen. Wie kann man sich als Laie Ihre Arbeit vorstellen? Können Sie ein Beispiel nennen?
Schulte: Ja, gerne. Nehmen wir eine mittelständische Bäckerei, die bereits an der Schwelle zur Lebensmittelindustrie steht. Solche Betriebe haben einen hohen Wärmebedarf, um ihre Backwaren herzustellen. Diese Wärme wird heute in der Regel mit Erdgas erzeugt. Eine Lösung, die sowohl mit hohen Kosten als auch mit erheblichen CO₂-Emissionen verbunden ist.
Unsere Dienstleistung besteht darin, dass wir zunächst die bestehenden Produktionsprozesse analysieren. Darauf aufbauend entwickeln wir ein Konzept, um die Wärmeversorgung zu elektrifizieren. Das ist allerdings komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Schließlich reicht es nicht aus, einfach einen elektrischen Backofen zu installieren. Viele Bäckereien arbeiten mit Thermoöl, das die Wärme besonders gleichmäßig verteilt und damit ein besonders gutes Backergebnis erzielt. Das müssen wir mitberücksichtigen.
Ein weiterer wichtiger Baustein kann der Einsatz eines thermischen Energiespeichers sein. Bäckereien benötigen vor allem in den frühen Morgenstunden viel Energie, also genau dann, wenn Strom häufig besonders teuer ist und Solarstrom noch kaum zur Verfügung steht.
Ein Speicher ermöglicht es, günstigeren Strom beispielsweise zur Mittagszeit einzukaufen oder überschüssigen Strom aus einer eigenen Photovoltaikanlage als Wärme zwischenzuspeichern und diese dann in den frühen Morgenstunden für die Produktion zu nutzen. So lassen sich die Energiekosten senken und Lastspitzen glätten. Entscheidend ist dabei, die Elektrifizierung der Wärmeversorgung, die Speichertechnologie und die betrieblichen Abläufe als Gesamtsystem zu betrachten.
Die Umstellung der Energieversorgung ist für Unternehmen eine komplexe Angelegenheit, bei der Sie sie umfassend begleiten. Kommt Ihnen dabei zugute, dass die Energiepreise seit geraumer Zeit auf einem hohen Niveau liegen?
Schulte: Dass das Interesse gestiegen ist, spüren wir schon. So ähnlich haben wir es auch vor der Gründung erlebt, als der Ukrainekrieg ausgebrochen war. Zwischenzeitlich, nachdem die Preise wieder gefallen waren, hat das Interesse aber leider wieder abgenommen. Jetzt, durch die Blockade der Straße von Hormus und die politischen Unsicherheiten hat das Interesse erneut zugenommen. Nur regt die allgemeine wirtschaftliche Lage nicht gerade zu Investitionen an. So kommt es vor, dass Projekte zwar konzeptionell ausgearbeitet werden, die konkrete Umsetzung aber zunächst ausbleibt. Kurz gesagt: Insgesamt ist das Interesse groß, die Bereitschaft, tatsächlich zu investieren ist aber eher verhalten. Wir sind gespannt, wie sich das weiterentwickelt.
Sie haben die Bäckerei als Beispiel genannt. Welche weiteren Unternehmen und Branchen gehören zu Ihrer Zielgruppe?
Schulte: Grundsätzlich richten sich unsere Lösungen an Unternehmen aus allen energieintensiven Branchen. Aktuell betreuen wir beispielsweise Kunden aus der Papier- und Lebensmittelindustrie in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Wie ist denn eigentlich die Idee zu Ihrem Unternehmen entstanden? Sie haben erwähnt, dass die Gründung aus der Forschung hervorgegangen ist. Zuvor waren Sie am Solar-Institut der FH Aachen tätig. Mit welchem Forschungsprojekt hat damals alles begonnen?
Schulte: Ursprünglich habe wir uns in unserem Forschungsprojekt mit der thermischen Stromspeicherung beschäftigt. Die Idee war, Strom in Wärme und diese Wärme anschließend wieder in Strom umzuwandeln, und zwar in großem Maßstab. Damit sollten unter anderem Braunkohlekraftwerke und industrielle Anlagen umgerüstet werden. Dieser Ansatz steht inzwischen weniger im Fokus, da die Preise für Batteriespeicher stark gesunken sind. Heute konzentrieren wir uns stattdessen auf die Bereitstellung von Prozesswärme für die Industrie.
Warum es damals zur Gründung der Green Heat Solutions GmbH kam, hatte mit dem enorm gestiegenen Interesse an thermischen Energiespeichern zu tun. Insbesondere nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs und dem Wegfall russischer Gaslieferungen stand die Frage einer unabhängigen und zuverlässigen Energieversorgung für viele Unternehmen im Mittelpunkt.
Können Sie etwas zu Ihren Teammitgliedern sagen?
Schulte: Ja, klar. Wir haben damals am Solar-Institut an unterschiedlichen Themen gearbeitet und ergänzen uns deshalb fachlich sehr gut. Sören Dittmann war beispielsweise in der Speicherabteilung tätig, während Zahra Mahdi, Falko Schneider und ich uns mit solarthermischen Systemen beschäftigt haben. Ulf Herrmann war unser Professor am Institut. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich solarthermischer Systeme und thermischer Energiespeicher im großen Maßstab.
Sie haben alle einen ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund. Unternehmerische oder betriebswirtschaftliche Erfahrungen sind nicht im Team vertreten, oder?
Schulte: Das ist richtig, ja. Allerdings ist uns der Zugang zu typischen unternehmerischen Themen wie Steuern, Buchhaltung usw. nicht besonders schwergefallen. Das kann man sich leicht aneignen. Im Zweifelsfall fragt man den Steuerberater. Deutlich anspruchsvoller waren für uns die strategischen betriebswirtschaftlichen Fragen: Wie entwickelt man aus einer Forschungsidee ein marktfähiges Produkt? Wie überzeugt man potenzielle Kunden? Und wie baut man einen funktionierenden Vertrieb auf? Das waren schon ziemliche Herausforderungen in unserer Gründungsphase. Wir sind dem Gründungszentrum der FH Aachen daher sehr dankbar, das uns das Team fast ein dreiviertel Jahr mit Rat und Tat zur Seite stand. Durch die Beratungsgespräche und Schulungsangebote haben wir wirklich viel gelernt und uns das notwendige unternehmerische Wissen angeeignet.
Bleiben wir beim Gründungszentrum der FH Aachen. Wie sah denn die Unterstützung aus? Wovon haben Sie am meisten profitiert?
Schulte: Ich würde sagen, die Schulungsangebote zum Thema Vertrieb haben uns ein großes Stück weitergeholfen. Das Tolle war, dass wir in einem geschützten Rahmen gemeinsam mit anderen Gründungsteams sehr offen und praxisnah an unserer Vertriebsstrategie arbeiten konnten und uns spielerisch mit den Herausforderungen des Vertriebs auseinandersetzen und voneinander lernen konnten.
Wie ist Ihr Vertrieb heute aufgestellt? Arbeiten Sie mit Vertriebspartnern oder setzen Sie auf Direktvertrieb, bei dem Sie auf Unternehmen zugehen?
Schulte: Eher Letzteres. Wir setzen auf den direkten und persönlichen Austausch und besuchen Fachmessen und andere Veranstaltungen, zum Beispiel rund um das Startup Village Jülich, bei denen wir mit Unternehmerinnen und Unternehmern ins Gespräch kommen. Was uns auch sehr geholfen hat, ist der Ausbau bereits bestehender Kontakte.
Gab es noch weitere Themen, bei denen Sie rückblickend sagen würden, dass Sie durch die Unterstützung des Gründungszentrums der FH Aachen einen großen Schritt nach vorne gemacht haben?
Schulte: Das lässt sich nur schwer auf einzelne Themen beschränken. Es war eher das Gesamtpaket, das uns weitergebracht hat: Wir hatten Ansprechpartner, denen wir zum Beispiel auch „niedrigschwellige“ Fragen stellen konnten. Außerdem haben wir durch den intensiven Austausch tatsächlich eine neue Denkweise entwickelt. Wir kommen schließlich alle aus einem technischen Umfeld und mussten das unternehmerische Denken erst lernen.
Der Schritt von der Wissenschaft in die Wirtschaft und in die unternehmerische Praxis ist nicht immer einfach. Wie haben Sie diesen Wandel erlebt?
Schulte: Ja, da sprechen Sie einen interessanten Punkt an. Es gibt ja diesen Begriff des „Minimum Viable Product“, kurz MVP. Und in dem Zusammenhang sagte uns mal ein junger Unternehmer: „Euer erstes Produkt, das ihr auf den Markt bringt, muss so schnell und so schlecht sein, dass ihr euch dafür schämt.“ Das war natürlich bewusst überspitzt formuliert. Schließlich wollten wir kein Produkt auf den Markt bringen, für das wir uns schämen müssten.
Seine eigentliche Botschaft war aber richtig: Perfektion bringt niemandem etwas, wenn das Produkt nie beim Kunden ankommt. Diese Erfahrung haben wir auch in Gesprächen mit potenziellen Kunden gemacht. Die möchten möglichst früh belastbare Antworten und eine Vorstellung davon bekommen, ob wir tatsächlich ihr Problem lösen können. Die Lösung muss zu diesem Zeitpunkt noch nicht perfekt sein. Entscheidend ist vielmehr, dass sie ein tragfähiges Konzept erkennen können.
Haben Sie denn vor dem eigentlichen Markteintritt, potenzielle Kunden in die Entwicklung Ihres Angebots eingebunden?
Schulte: Ja, wir haben in Zusammenarbeit mit dem Startup Village Jülich im Rahmen des Venture Architect-Modells Interviews mit potenziellen Kunden durchgeführt und gefragt, was sie von uns bzw. unserem Angebot überhaupt erwarten würden? Die Antworten darauf waren erstaunlich aufschlussreich. Ich hätte nicht gedacht, dass die Gesprächspartner so offen aus dem Nähkästchen plaudern würden.
Gab es auch Herausforderungen, mit denen Sie im Vorfeld nicht gerechnet hatten?
Schulte: Die größte Herausforderung besteht für uns als Start-up nach wie vor darin, uns auf dem Markt zu etablieren. Die Welt hat schließlich nicht auf uns gewartet. Es ist keineswegs so, dass uns die Unternehmen von Anfang an die Türen eingerannt haben. Als junges Unternehmen ist man zunächst ein unbeschriebenes Blatt: Potenzielle Kunden kennen weder uns noch die Technologie, die wir anbieten.
Hinzu kommt, dass Unternehmen nicht gezielt nach thermischen Energiespeichern suchen, weil ihnen diese Technologie häufig noch gar nicht bekannt ist. Unsere Lösungen zur Elektrifizierung industrieller Prozesswärme in Kombination mit thermischen Energiespeichern sind vergleichsweise neu. Deshalb braucht es Zeit, bis sich die Technologie herumspricht und von potenziellen Kunden nachgefragt wird.
Und wie sieht es mit der Finanzierung aus?
Schulte: Als Dienstleister sind wir nicht zwingend auf Investoren angewiesen. Allerdings haben wir festgestellt, dass viele Unternehmen bei der Anschaffung neuer Wärmeanlagen zurückhaltend sind. Sie möchten nicht unbedingt hohe Summen in eine Anlage investieren, die nicht zu ihrem eigentlichen Kerngeschäft gehört. Stattdessen würden sie lieber die benötigte Wärme als Dienstleistung beziehen. Das Konzept nennt sich „Heat as a Service“.
Wir überlegen daher, ob wir unser Geschäftsmodell in diese Richtung erweitern wollen. In diesem Fall würden wir die Anlagen selbst finanzieren, bauen und betreiben und unseren Kunden die erzeugte Wärme verkaufen. Dafür wäre allerdings erheblich mehr Kapital erforderlich. Ob wir diesen Schritt tatsächlich gehen wollen, ist aber derzeit noch offen.
Wie sieht die nahe Zukunft von Green Heat Solutions aus?
Schulte: Wir denken darüber nach, eine Software zu entwickeln, die den Betrieb von Wärmeanlagen weitgehend automatisiert und dadurch kostengünstiger macht. Dabei wollen wir auch KI-basierte Lösungen einsetzen, um die Betriebsabläufe möglichst effizient und wirtschaftlich zu gestalten.
Außerdem zeichnet sich ab, dass wir im kommenden Jahr erstmals schwarze Zahlen schreiben werden. Das wäre für uns ein großer Erfolg, zumal die meisten von uns bislang noch in Teilzeit am Solar-Institut tätig sind.
Weitere Informationen:
Stand: Oktober 2026
Das „Start-up Orbit FH Aachen“ an der FH Aachen wird im Rahmen der Fördermaßnahme „Start-up Center.NRW“ unterstützt.