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In den Köpfen von Fachkräften steckt jede Menge wichtiges Know-how. Doch wie lässt sich dieses Wissen sichern und für andere zugänglich machen? Mit dieser Frage haben sich Lara Nawrath, Marius Giese und Julian Becker beschäftigt und eine KI-gestützte Plattform entwickelt, die die Erfahrungen von Mitarbeitenden dokumentiert und verfügbar macht. Auf dem Weg zur Gründung der bluvero GmbH wurde das Team vom Gründungszentrum der FH Aachen unterstützt. Im Interview erzählt Lara Nawrath, wie diese Unterstützung aussah und welche Rolle sie bei der Gründung spielte.
Frau Nawrath, bluvero unterstützt Unternehmen dabei, das Wissen ihrer Mitarbeitenden zu sichern und unternehmensintern weiterzugeben. Warum ist das so wichtig?
Nawrath: In vielen Unternehmen geht Wissen verloren, wenn langjährige Mitarbeitende in Rente gehen oder das Unternehmen aus anderen Gründen verlassen. Damit verschwindet oft ein großer Erfahrungsschatz, der für die täglichen Arbeitsabläufe unverzichtbar ist. Gelingt es, dieses Wissen systematisch zu sichern und schnell zugänglich zu machen, lassen sich Unterbrechungen und Fehler vermeiden, etwa bei einem Personalwechsel oder bei der Einarbeitung neuer Mitarbeitender.
Wie funktioniert das? Wie kann man sich das als Laie vorstellen?
Nawrath: Wir haben eine App entwickelt, die es den Mitarbeitenden sehr einfach macht, ihr Wissen festzuhalten.Sie können ihr Know-how per Sprachaufnahme über ein betriebseigenes Smartphone oder Tablet eingeben und zusätzlich Fotos aufnehmen, um die Abläufe zu veranschaulichen. Dabei können sie einfach erzählen, was ihnen zur Ausführung einer bestimmten Aufgabe oder zur Bedienung einer Maschine einfällt. Anschließend werden die Informationen aufbereitet, so dass sie allgemein verständlich sind.
Alternativ bieten wir an, die Informationen mit KI-Unterstützung zu verarbeiten. Außerdem gibt es einen geführten Modus mit Vorlagen und Formularen, der die Eingabe strukturiert. Das eignet sich besonders für Dokumentationen, bei denen immer wieder dieselben Informationen benötigt werden.
Entscheidend ist, dass dieses Wissen möglichst einfach, schnell und während des laufenden Betriebs eingepflegt und genauso schnell auch abgerufen werden kann, entweder über die Suchfunktion oder über QR-Codes, die an den Maschinen angebracht werden.
Bedeutet das, dass die Mitarbeitenden von ihrem Arbeitgeber angehalten werden, täglich ihr Wissen in die App einzugeben?
Nawrath: Das handhaben die Unternehmen unterschiedlich. Die meisten Unternehmen, die unsere App derzeit im Rahmen einer Pilotanwendung nutzen, empfehlen ihren Mitarbeitenden tatsächlich, täglich Zeit dafür einzuplanen – beispielsweise eine halbe Stunde vor der Mittagspause. In anderen Unternehmen wird das Wissen einmal pro Woche dokumentiert.
Wer ist denn in Ihrem Team auf die Idee gekommen?
Nawrath: Das war mein Mitgründer Marius Giese, der an der FH Aachen am Fachbereich Maschinenbau und Mechatronik im GoetheLab for Additive Manufacturing gearbeitet hat. Dort gab es das Problem, dass nicht genug Tutorinnen und Tutoren zur Verfügung standen, um Studierende in die Bedienung der 3D-Drucker einzuarbeiten. Marius kam deshalb auf die Idee, das entsprechende Wissen mithilfe einer App zu dokumentieren und zugänglich zu machen. Darüber schrieb er auch seine Masterarbeit.
Als dann einige Industrievertreter die FH Aachen besuchten und von der Idee hörten, waren sie ganz begeistert und meinten, dass sie eine solche Lösung auch gebrauchen könnten. Damit war klar, dass die Idee weit über den 3D-Druck hinaus Potenzial hat, insbesondere im produzierenden Gewerbe, wo Mitarbeitende in Werkstätten, bei Montagearbeiten oder an Maschinen tätig sind.
Ist die App dann gemeinsam mit dem GoetheLab der FH Aachen entwickelt worden?
Nawrath: In der Anfangsphase ja. Für die erste Version wurde ein kleiner Testlauf durchgeführt, bei dem wir Feedback erhielten. Die eigentliche Entwicklung fand aber anschließend in unserem Team statt, unterstützt vom Gründungszentrum der FH Aachen, wo ich damals übrigens selbst gearbeitet habe.
Und dann haben Sie die Seiten gewechselt? Wie kam es dazu?
Nawrath: Ich habe nach meinem Studium wirklich gerne im Gründungszentrum der FH Aachen gearbeitet. Gleichzeitig war mir klar, dass ich das nicht die nächsten 40 Jahre machen würde. Als ich dann Marius kennenlernte, haben wir viel über seine Idee gesprochen und gebrainstormt. Dadurch bin ich da einfach mehr und mehr hineingewachsen. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass meine Eltern eine eigene Schreinerei haben. Ich kenne also das Problem aus nächster Nähe, dass gerade in Handwerksbetrieben oder anderen kleineren und mittleren Betrieben das Wissen häufig nur in den Köpfen der Mitarbeitenden steckt und kaum dokumentiert wird.
Irgendwann war auch klar, dass wir noch einen Entwickler brauchten. Und da haben wir relativ schnell Julian als passende Verstärkung gefunden. Er hat damals ebenfalls an der FH Aachen studiert.
Sie kannten das Gründungszentrum bereits aus Ihrer eigenen Arbeit. Wie hat es Sie und Ihr Team darüber hinaus bei der Gründung unterstützt?
Nawrath: Das Coaching war super wertvoll. Zum einen, weil die Coaches eigene Gründungserfahrungen mitbrachten und zugleich die Perspektive von Industrieunternehmen kannten. Zum anderen war es dieser Blick von außen, der uns ermutigt hat, frühzeitig auf Unternehmen zuzugehen, obwohl unser Produkt noch gar nicht fertig war. Aber es bringt ja nichts, im stillen Kämmerlein eine App zu entwickeln. Man braucht einfach den Input von der Zielgruppe: Was brauchen die Unternehmen tatsächlich? Was finden sie sinnvoll? Schließlich hätte es auch sein können, dass unsere Idee auf wenig Interesse stößt. Das Feedback war enorm wichtig. Unser Coach hat uns da einfach den nötigen Impuls gegeben, über den Tellerrand hinauszuschauen und möglichst viele Kontakte zu Unternehmen aufzubauen.
Auch bei der Entwicklung unseres Preismodells hat uns das Coaching sehr geholfen. Die Frage nach dem späteren Preis bereitete uns zunächst ziemliche Kopfschmerzen. Wenn wir Unternehmen unsere App kostenlos zum Testen angeboten haben, wollten sie natürlich wissen, wie viel die Nutzung später kosten würde. Uns fiel es anfangs schwer, uns festzulegen. Schließlich hat ein kleiner Handwerksbetrieb mit zehn Beschäftigten andere finanzielle Möglichkeiten und Anforderungen als ein Maschinenbauunternehmen mit 300 Mitarbeitenden. Die Unterstützung bei dieser Frage war deshalb besonders wertvoll.
Darüber hinaus haben wir an verschiedenen Programmen teilgenommen, beispielsweise am Sales Accelerator der FH Aachen und an Angeboten des Digital Hub Aachen.
Das Coaching hat Sie auch bei der Antragstellung von Start-up Transfer.NRW unterstützt. Warum hatten Sie sich für dieses Förderprogramm entschieden?
Nawrath: Das hat für uns tatsächlich am besten gepasst. Bei Start-up Transfer.NRW sind die Gründerinnen und Gründer an der Hochschule angestellt und arbeiten mit ihr zusammen. Für manche Gründungsteams kann das eine Herausforderung sein. Für uns war es dagegen sehr praktisch, weil Marius und ich bereits an der FH Aachen gearbeitet hatten und mit den internen Abläufen vertraut waren. Deshalb bot sich das Programm für uns an.
Allerdings hatte es mit dem Antrag beim ersten Mal nicht geklappt. Das Feedback haben wir dann mitgenommen und den zweiten Antrag entsprechend geändert. Bei der zweiten Runde waren wir dann erfolgreich.
Was haben Sie beim zweiten Anlauf anders gemacht?
Nawrath: Wir haben unsere Zielgruppe noch einmal genauer definiert. Grundsätzlich eignet sich unsere App ja für viele Unternehmen. Für die Kundengewinnung und die Ansprache auf unserer Website ist es aber sinnvoll, klarer zu benennen, wen wir erreichen möchten.
Außerdem wurde bemängelt, dass wir den Aspekt der unternehmerischen Nachhaltigkeit zu wenig berücksichtigt hatten. Bei unserem erneuten Pitch vor der Jury haben wir daher stärker hervorgehoben, dass von unserer App auch die Auszubildenden in den Unternehmen profitieren und sie sich aufgrund ihrer einfachen Bedienung langfristig im Unternehmen einsetzen lässt.
Sie nutzen nach wie vor den Coworking Space des Gründungszentrums?
Nawrath: Ja, wir arbeiten dort öfters zusammen und tauschen uns mit anderen Gründungsteams aus. Besonders hilfreich war beispielsweise der Kontakt zu einem anderen Team, das ebenfalls eine App entwickelt hat.
Sie sagen, Sie haben Ihre Zielgruppe genauer eingegrenzt. Welche Unternehmen stehen heute im Mittelpunkt?
Nawrath: Unser Fokus liegt auf Handwerksbetrieben, Maschinenbauunternehmen und anderen produzierenden Unternehmen mit 20 bis 300 Beschäftigten. Entscheidend ist dabei auch, wie viele Mitarbeitende tatsächlich in der Werkstatt arbeiten und die App nutzen würden.
Bei der Akquise konzentrieren wir uns aktuell auf die Region Aachen. Hier gibt es einfach sehr viele mittelständische Unternehmen, die uns zudem wichtiges Feedback liefern. Da ist es ganz gut, wenn man schnell vor Ort ist.
Wie akquirieren Sie die Unternehmen?
Nawrath: Für den Vertrieb funktionieren Veranstaltungen sehr gut, beispielsweise von der Handwerkskammer oder der Industrie- und Handelskammer. Dort kommen wir direkt mit Unternehmensvertreterinnen und -vertretern ins Gespräch, so dass wir auch hier von unserer regionalen Ausrichtung profitieren.
Sehr gut funktionieren auch Artikel in Fachmagazinen. Außerdem besuchen wir Messen, auf denen unsere Zielgruppe vertreten ist, und versuchen dort Kontakte zu knüpfen. Das funktioniert ganz gut. Als Aussteller haben wir aber bisher wenig Erfahrungen gesammelt. Das liegt auch an den damit verbundenen Kosten.
Wie erleben Sie die Nachfrage? Ist das Interesse an Ihrer Lösung groß genug?
Nawrath: Das Feedback ist sehr positiv. Viele Unternehmen finden unsere Idee überzeugend. Der Haken ist: Die meisten finden keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Sie sagen dann beispielsweise, dass sie das Thema gerne in einem halben Jahr angehen würden, wenn ein wichtiges Projekt abgeschlossen ist. Nur: Letztlich ist in den Unternehmen immer viel zu tun.
Wir haben aber auch Unternehmen, bei denen es einen konkreten Anlass gibt, unsere App einzusetzen. Wenn beispielsweise ein langjähriger Mitarbeiter in zwei Jahren in Rente geht, stellt sich die Frage, wie sein Wissen bis dahin gesichert werden kann. Auch Unternehmen, die durch Maschinenausfälle bereits finanzielle Einbußen erlebt haben, beschäftigen sich häufig intensiver mit dem Thema. Die Nachfrage ist also durchaus vorhanden, entwickelt sich aber unterschiedlich schnell.
Welche Herausforderungen mussten Sie seit der Gründung bewältigen? Sie haben bereits das Preismodell angesprochen.
Nawrath: Eine wichtige Erkenntnis war, dass wir zu lange gewartet haben, bevor wir mit den Unternehmen gesprochen haben. Wir waren anfangs überzeugt, dass bestimmte Funktionen für unsere App besonders wichtig seien. Im Austausch mit den Unternehmen stellte sich dann aber heraus, dass ihnen teilweise ganz andere Dinge wichtig waren. Dieser direkte Kontakt hat uns zu Beginn gefehlt. Rückblickend hätten wir viel früher mit potenziellen Kunden sprechen sollen.
Eine weitere Herausforderung war und ist derzeit noch der Übergang von Pilotprojekten zur langfristigen Nutzung. Wir haben bereits viele Pilotprojekte sowie weitere Unternehmen, die demnächst mit dem Testen beginnen. Aber der Schritt vom Pilotprojekt zum zahlenden Kunden ist groß, auch wenn uns dieser Übergang bei einigen Unternehmen schon gelungen ist.
Lassen Sie uns den Blick auf die positiven Entwicklungen richten. Was ist bisher besonders gut gelaufen – vielleicht auch besser, als Sie erwartet hatten?
Nawrath: Die Förderung durch Start-up Transfer.NRW war ein großer Schritt nach vorn. Sie hat uns ermöglicht, uns ein Jahr lang vollständig auf die Gründung zu konzentrieren. Das war wirklich super.
Außerdem gibt es in Aachen ein tolles Netzwerk für Start-ups. Man trifft andauernd Menschen, die einen mit potenziellen Kunden vernetzen. Auch der gegenseitige Erfahrungsaustausch ist hilfreich: Was funktioniert bei anderen gut? Welche Tipps können sie uns geben? In Aachen gibt es dafür viele Angebote und Möglichkeiten.
Sehr positiv ist auch das Feedback zur App selbst. Unternehmen sagen uns häufig, dass sie intuitiv gestaltet ist und die Nutzerinnen und Nutzer schnell verstehen, wie sie funktioniert. Diese Rückmeldungen bestätigen uns, dass wir bei der Benutzerfreundlichkeit auf dem richtigen Weg sind.
Die Förderung durch Start-up Transfer.NRW ist inzwischen ausgelaufen. Wie finanzieren Sie sich heute?
Nawrath: Wir bootstrappen. Das heißt, wir haben alle Teilzeitstellen, um unseren Lebensunterhalt zu sichern und die laufenden Kosten zu decken. Ich arbeite beispielsweise an zwei Tagen pro Woche im Gründungszentrum der FH Aachen. Die übrige Zeit investiere ich in bluvero.
Wann rechnen Sie damit, schwarze Zahlen zu schreiben?
Nawrath: Wir gehen davon aus, im Laufe des kommenden Jahres wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Aktuell haben wir 23 Unternehmen, bei denen wir darauf hoffen, dass sie nach den Pilotprojekten zu einer langfristigen Nutzung übergehen. Die Tests laufen sehr gut und wir bekommen positives Feedback.
Man muss allerdings berücksichtigen, dass Entscheidungsprozesse in Unternehmen Zeit brauchen. Bis aus einem ersten Gespräch eine konkrete Zusammenarbeit wird, kann es dauern. Auch das mussten wir erst lernen: Wir müssen für solche Prozesse ausreichend Zeit einplanen. Wir hoffen deshalb, Anfang des kommenden Jahres die ersten größeren Roll-outs starten zu können.
Wie geht es nun weiter? Welche Schritte stehen als Nächstes an?
Nawrath: Bei der App möchten wir die Struktur noch einmal überarbeiten, damit sie intuitiver wird. Wir sammeln dafür Rückmeldungen aus den Unternehmen und priorisieren die gewünschten Funktionen danach, wie wichtig sie für unsere Nutzerinnen und Nutzer sind. Auch wenn wir bisher viel positives Feedback zu unserem UI-Design erhalten haben, möchten wir uns im Dezember noch einmal mehr um die Benutzerfreundlichkeit kümmern. Parallel dazu treiben wir den Vertrieb weiter voran. Wir haben einige vielversprechende Unternehmen in der Pipeline und hoffen, dass daraus die nächsten langfristigen Kooperationen entstehen.
Weitere Informationen:
Stand: Oktober 2026
Das „Start-up Orbit FH Aachen“ an der FH Aachen wird im Rahmen der Fördermaßnahme „Start-up Center.NRW“ unterstützt.